Wobei das Polyvagaltraining unterstützen kann: Manchmal passt etwas nicht mehr zusammen. Der Kopf ist voll, der Körper angespannt, und selbst in ruhigen Momenten stellt sich keine echte Entlastung ein. Man funktioniert, aber innerlich bleibt eine Unruhe.
Oft hat das weniger mit der konkreten Situation zu tun als mit dem autonomen Nervensystem – Parasympathikus und sein Gegenspieler Sympathikus. Diese Begriffe haben Sie vielleicht schon einmal gehört. Und dabei spielt der Vagusnerv als Teil und Hauptnerv des parasympathischen Systems eine zentrale Rolle.
Was im Nervensystem passiert
Unser autonomes Nervensystem arbeitet im Hintergrund rund um die Uhr, nimmt permanent Informationen aus der Umwelt auf und wertet sie aus. Es sucht nach Gefahrensignalen und steuert ohne unser Zutun, wie wir auf Belastung oder gefühlte Bedrohung reagieren. „Gefühlt“ deshalb, weil das nicht über den Verstand passiert, sondern un- und unterbewusst. Dabei versetzt uns das autonome Nervensystem schneller als wir denken können in 3 verschiedene Zustände:
- Stabilität und soziale Verbundenheit – wenn Sie sich sicher und entspannt fühlen, klar denken und gut im Kontakt mit sich und anderen sind (Parasympathikus)
- Aktivierung und Mobilisierung – wenn Sie bzw. Ihr Nervensystem sich in Gefahr fühlt, die Stresshormone ansteigen, und Sie sich schützen möchten, indem innerlich eine Kampf- oder Fluchtreaktion vorbereitet wird (Sympathikus)
- Abschaltung und Immobilisierung – wenn die Belastung und „Gefahr“ so groß wird, dass Sie sich überwältigt oder hilflos fühlen und der Körper Energie spart, indem er den Totstell-Reflex aktiviert (ebenso dem Parasympathikus zugeordnet und laut Polyvagaltheorie eine „Schreck-Starre“, ein Schutz- und Verteidigungsmechanismus, den wir uns nicht willentlich aussuchen)
Wenn das Nervensystem in einem dieser Zustände hängenbleibt
Diese Zustände wechseln sich ständig ab. Das ist normal. Alle drei sind wichtig und sinnvoll. Schwierig wird es dann, wenn das System in einem Zustand hängen bleibt – etwa in dauerhafter Anspannung oder in einem Gefühl von Erschöpfung und innerem Rückzug.
Viele Menschen verbringen heute viel Zeit in einem Zustand erhöhter Anspannung, die dann auch in Überforderung und Antriebslosigkeit münden kann. Der Körper bleibt dabei in Alarmbereitschaft, auch wenn es keinen konkreten Anlass mehr gibt. Das kann sich durch innere Unruhe, schnelle Erschöpfung oder ständiges Grübeln zeigen. Es kann auch mit Gefühlen wie Reizbarkeit, Unsicherheit und permanenter Angespanntheit verbunden sein.
Die ausgewogene Aktivität von beiden Zweigen des Nervensystems, von Parasympathikus und Sympathikus (also von allen 3 Zuständen) ist wichtig für unser Wohlbefinden und alle Körperprozesse, kurz: für Körper und Geist. Hier setzt das polyvagale Training an.
Warum das Gefühl von Sicherheit so entscheidend ist
Das Nervensystem orientiert sich nicht nur an äußeren Fakten, sondern vor allem daran, ob sich etwas sicher anfühlt. Dieses Gefühl entsteht im Körper.
Ist ausreichend gefühlte Sicherheit vorhanden, kann sich das System regulieren: Gedanken werden klarer, der Körper (Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Puls, Muskelspannung, Verdauung etc.) stabiler, und es fällt leichter, mit anderen in Kontakt zu sein.
Fehlt dieses Empfinden, reagiert das System oft automatisch und blitzschnell – zum Beispiel mit innerer Anspannung, Gereiztheit, Unsicherheit, Angst, vielleicht Panik oder auch mit Rückzug, Erschöpfung oder Antriebslosigkeit. Auch körperliche Reaktionen können stark spürbar werden, beispielsweise Verdauungsbeschwerden, Herzrasen, Kloß im Hals, Schweißausbrüche, Zähneknirschen, Zittern, Mundtrockenheit.
Der Vagusnerv als Regulierungssystem
Der Vagusnerv ist zentraler Teil des parasympathischen Nervensystems und arbeitet wie ein inneres Regulierungssystem. Er wirkt auf nahezu sämtliche unbewusst laufende Körperfunktionen.
Über ihn können wir Einfluss nehmen. Er steuert mit, wie sicher Sie sich fühlen – und genau dieses Gefühl von Sicherheit ist die Grundlage dafür, dass sich der Körper entspannen kann. Und sich Ihr autonomes Nervensystem mit Parasympathikus und Sympathikus schneller wieder in einem regulierten und sicheren Zustand, also im Gleichgewicht befindet.
Wie wir im Polyvagaltraining mit dem Vagusnerv arbeiten
Gefühlte Sicherheit ist laut Polyvagaltheorie die wichtigste Voraussetzung für unser Wohlbefinden. Im polyvagalen Training widmen wir uns Ihrem Nervensystem, genauer gesagt, den unterschiedlichen Zuständen und Stressreaktionen Ihres autonomen Nervensystems, und wie Sie sie erkennen und zuordnen können. Dadurch lernen Sie, ein sicheres Gefühl in Ihrem Körper zu aktivieren, sodass Sie sich ruhiger fühlen, bessere Beziehungen haben, klarer kommunizieren und bessere Entscheidungen treffen können.
Wir können unser Nervensystem umtrainieren, seine gewohnten Reaktionswege überschreiben. Im Polyvagaltraining geht es darum, Ihr autonomes Nervensystem besser zu verstehen und wieder aktiv beeinflussen zu können.
Der Vagusnerv wird dabei gezielt angesprochen und aktiviert – über einfache Übungen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen. Das kann über die Atmung geschehen, über die Wahrnehmung des eigenen Körpers oder über kleine Impulse mit Stimme und Bewegung.
Diese Zugänge wirken direkt auf das autonome Nervensystem und helfen dem Körper, Schritt für Schritt wieder in einen ruhigeren, regulierten und vor allem sicheren Zustand zu finden.
Zurück in einen stabileren Zustand
Resilienz entsteht durch Bewegung, nicht durch Stillstand. Sie entsteht, wenn Ihr System flexibel zwischen Anspannung, Stabilität und Erholung wechseln kann.
Es geht nicht darum, Stress komplett zu vermeiden oder dauerhaft in einem „ruhigen“ Zustand zu bleiben. Entscheidend ist, dass Sie lernen, Ihren eigenen Zustand früher zu erkennen und selbst darauf zu reagieren, wenn Sie in eine Überreaktion oder in eine Art Erstarrung fallen.
Wenn wir den Vagusnerv stärken, können Sie sich besser regulieren, und es fällt Ihnen leichter, aus der Anspannung auszusteigen und Ihr Nervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Viele Menschen erleben dadurch mehr Ruhe, mehr Stabilität und einen klareren Umgang (mit sich und mit anderen) und mit dem, was sie beschäftigt.
Was Sie für sich mitnehmen können
Mit der Zeit entwickeln Sie ein besseres Gefühl für sich selbst. Sie merken früher, wenn in Ihnen Stress entsteht, und wissen, was Ihnen konkret hilft.
Der regulierte und sichere Zustand wird so zunehmend zu einer Art innerem Anker. Statt sich ausgeliefert zu fühlen, entsteht Schritt für Schritt mehr Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Erleben.
Die Arbeit kann gut mit Gesprächen kombiniert werden oder für sich allein stehen – je nachdem, was Sie in Ihrer Situation am meisten unterstützt. Sie lernen, Ihre Wahrnehmung zu schulen, indem Sie beschreiben, erkennen, beobachten und reflektieren.
Ein Beitrag zu Gesundheit und Resilienz
Je öfter Sie die Erfahrung von gefühlter Sicherheit haben, desto besser werden Ihr Wohlbefinden und Ihre Leistungsfähigkeit. Das wiederum beeinflusst Ihr Selbstwertgefühl, Ihr Selbstvertrauen und Ihre Zufriedenheit. Damit ist das Polyvagaltraining ein wichtiger und positiver Beitrag zu Ihrer Gesundheit. Sie lernen, sich flexibel und elastisch an stressreiche Episoden, plötzliche Veränderungen und Herausforderungen anzupassen.
Und last but not least: Ein starker Vagusnerv wirkt sich positiv auf Ihr Immunsystem aus.