Resilienz heißt nicht, dass Sie nichts aus der Bahn wirft

Resilienz hilft uns, nach Krisen und Belastungen wieder Stabilität zu finden. Was Resilienz stärkt und welche Rolle Selbstregulation spielt.
Resilienz – Mag. Susanne Gosch

Manchmal genügt ein einziger Moment, und plötzlich ist alles anders: Ein unerwarteter Anruf. Eine Trennung. Der Verlust eines geliebten Menschen. Eine Diagnose, mit der niemand gerechnet hat. Ein Misserfolg oder eine Zeit, in der die Belastung einfach immer größer wird.

Solche Situationen können uns buchstäblich aus der Bahn werfen. Vielleicht rast das Herz. Die Atmung wird schneller oder flacher. Magen und Darm reagieren empfindlich. Oder der Nacken schmerzt. Die Gedanken überschlagen sich – oder es scheint plötzlich unmöglich, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen.

Genau hier kommt Resilienz ins Spiel. Allerdings anders, als der Begriff manchmal verstanden wird. Denn resilient zu sein bedeutet nicht, immer stark zu bleiben. Es bedeutet auch nicht, dass Krisen, Verluste oder Belastungen spurlos an uns vorübergehen.

Resilienz bedeutet, nach einer Belastung wieder in die eigene Balance zurückfinden zu können.

Ein Gummiband kann resilient sein. Ein Mensch auch.

Ursprünglich kennen wir Resilienz aus der Materialkunde. Sie beschreibt die Eigenschaft eines Materials, sich unter Druck zu verformen und anschließend wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren.

Denken Sie an einen Schwamm oder ein Gummiband: Druck oder Zug verändern für einen Moment die Form. Fällt die Belastung weg, findet das Material wieder zurück.

Bei Menschen ist es natürlich komplizierter. Nach einer schweren Erfahrung müssen wir nicht wieder exakt die Person werden, die wir vorher waren. Das können wir auch gar nicht.  Denn Erlebnisse verändern uns. Sie gehören danach zu unserer Geschichte.

Und doch ist es wichtig, nachdem das Pendel so stark in eine Richtung ausgeschlagen hat, auch wieder zurück zu pendeln, allmählich in eine Mitte zu finden und wieder gut denk- und handlungsfähig zu werden.

Resilienz zeigt sich darin, dass wir trotz einer schwierigen Erfahrung wieder Stabilität gewinnen. Dass wir uns orientieren können, wieder Entscheidungen treffen und unser Leben gestalten können.

Oder anders gesagt: Resilienz verhindert nicht, dass wir aus der Bahn geraten. Sie unterstützt uns dabei, wieder zurückzufinden.

Eine Krise findet nicht nur im Kopf statt

Wenn etwas Bedrohliches oder emotional Belastendes passiert, reagiert nicht nur unser Denken darauf. Unser gesamter Organismus stellt sich auf die Situation ein.

Das autonome Nervensystem aktiviert die notwendigen Stressreaktionen. Herzschlag, Blutdruck und Atmung können sich verändern. Der Körper stellt Energie bereit und bereitet uns darauf vor, schnell reagieren zu können.

In einer akuten Gefahr ist das ausgesprochen sinnvoll. Schwieriger wird es, wenn unser System im Alarmzustand bleibt, obwohl die unmittelbare Gefahr längst vorbei ist.

Ein gut reguliertes Nervensystem kann nach einer Belastung wieder in einen ruhigeren Zustand zurückkehren. Herzschlag und Atmung beruhigen sich. Die körperliche Anspannung lässt nach. Und auch unser Denken verändert sich.

Denn wenn wir nicht mehr vollständig mit der Stressreaktion beschäftigt sind, können wir eine Situation wieder besser einschätzen: Was ist tatsächlich passiert? Was bedeutet das für mich? Welche Möglichkeiten habe ich? Was kann ich jetzt tun?

Wir werden wieder handlungsfähig.

Genau deshalb gehört die Fähigkeit zur Selbstregulation zu den wichtigen Grundlagen von Resilienz.

Warum manche Menschen mit Belastungen besser umgehen können

Resilienz ist keine angeborene Superkraft, die manche Menschen besitzen und andere nicht.

Sie entwickelt sich im Laufe unseres Lebens – und sie kann sich verändern.

Dabei spielen unterschiedliche Faktoren zusammen. Einer davon ist Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, dass wir schwierigen Situationen nicht vollkommen ausgeliefert sind, sondern selbst etwas bewirken können.

Auch Selbstvertrauen hilft uns. Wer bereits erlebt hat: Ich habe schwierige Situationen bewältigt und einen Weg gefunden, kann in einer neuen Krise eher auf diese Erfahrung zurückgreifen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass möglichst viele Krisen automatisch möglichst resilient machen.

Nicht jede Belastung macht uns stärker

Es macht einen Unterschied, ob wir hin und wieder vor Herausforderungen stehen, die wir bewältigen können, oder ob wir über lange Zeit einer Belastung ausgesetzt sind, von der wir uns kaum erholen können.

Resilienz entsteht nicht durch möglichst viel Leid. Sie kann aber wachsen, wenn wir erleben, dass wir Herausforderungen bewältigen und danach wieder Sicherheit und Stabilität finden können.

Resilienz entsteht nicht nur in uns selbst

Bei Resilienz denken wir oft an persönliche Stärke. Doch ein wichtiger Teil unserer Widerstandskraft entsteht durch unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Menschen, bei denen wir uns sicher fühlen. Menschen, denen wir vertrauen. Menschen, die zuhören, mittragen oder ganz einfach da sind.

Positive soziale Beziehungen geben uns emotionale Verbundenheit, Sicherheit und Geborgenheit. Gerade in schwierigen Lebensphasen können sie entscheidend sein, dass unser System wieder zur Ruhe findet.

Resilienz bedeutet deshalb nicht: Ich schaffe alles allein. Im Gegenteil. Zu erkennen, wann wir Unterstützung brauchen, und sie auch annehmen zu können, kann ebenfalls ein Zeichen von innerer Stärke sein.

Was unsere Resilienz stärken kann

Wir können nicht kontrollieren, was uns im Leben begegnet. Aber wir können Fähigkeiten entwickeln, die uns helfen, mit Belastungen besser umzugehen.

Dazu gehört, die eigenen Reaktionen überhaupt wahrzunehmen. Was passiert gerade in meinem Körper? Welche Gefühle sind da? Was brauche ich im Moment?

Achtsamkeit und Selbstreflexion können dabei helfen, diese Signale früher zu erkennen. Selbstfürsorge unterstützt uns dabei, angemessen darauf zu reagieren.

Auch Anpassungsfähigkeit spielt eine Rolle. Manchmal besteht die beste Lösung nicht darin, möglichst lange an einem ursprünglichen Plan festzuhalten, sondern darin, sich auf eine veränderte Situation einzustellen und einen neuen Weg zu suchen.

Eine optimistische Grundhaltung kann ebenfalls unterstützen – allerdings nicht im Sinne eines „Es wird schon alles gut“. Zuversicht kann viel realistischer sein: Was auch kommt, ich vertraue darauf, dass ich damit umgehen und meinen nächsten Schritt finden kann.

Dieses Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen. Es wächst durch Erfahrungen, durch Selbstwahrnehmung und Selbstregulation, durch Beziehungen und durch das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit.

Wieder Boden unter den Füßen finden

Resiliente Menschen erleben Trauer. Sie haben Angst. Sie zweifeln, sind erschöpft oder wissen manchmal nicht weiter.

Resilienz schützt uns nicht vor den schwierigen Seiten des Lebens. Sie hilft uns dabei, nach einer Belastung wieder zur Ruhe zu kommen. Klarer wahrzunehmen, was gerade ist. Möglichkeiten zu erkennen. Entscheidungen zu treffen. Und Schritt für Schritt wieder handlungsfähig zu werden.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Vorstellung von Resilienz:

Sie verhindert nicht, dass das Leben uns manchmal aus der Bahn wirft. Sie hilft uns dabei, wieder Boden unter den Füßen zu finden.

Wenn Sie Ihre Resilienz stärken wollen, melden Sie sich gerne – wir schauen gemeinsam, wie.

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